Daredevil #8 (1965): The Stiltman Cometh

Marvel Comics

Ein fahrerloses Auto rast auf eine Frau zu, die mitten auf der Straße steht. Statt das zu tun, was jeder normale Mensch tun würde, nämlich zur Seite zu springen, bleibt sie breitbeinig stehen und schreit um Hilfe. Statt zu tun, was jeder andere tun würde, nämlich der Frau zu sagen, sie solle sich in Sicherheit bringen, fliegt Daredevil auf sie zu und ruft: „Keep screaming!“ Denn nur dann kann der blinde Held sie hören und sie retten. Dass das Auto nur noch Zentimeter von der Frau entfernt ist, ist nicht dabei unerheblich, denn Daredevil schafft es trotzdem, die Frau in letzter Sekunde in Sicherheit zu schwingen, was hier bedeutet: Er wirft sie auf eine Markise. Wie gut, dass heute ein Sonnentag ist …

Dardevil versuch daraufhin, das Auto aufzuhalten, doch Gas und Bremse sind defekt, außerdem hört er eine Zeitbombe ticken. So steuert er das Gefährt trotzdem vorbei an Passanten ins Wasser, wo es explodiert. Das Ganze war nur ein Ablenkungsmanöver für einen neuen Schurken: den Stiltman, einem Mann in Metallrüstung, der auf haushohen Stelzen läuft und einen Geldtransporter, der per Helikopter stattfindet, ausraubt. Schießen bringt nichts und einfach höher zu fliegen fällt dem Piloten nicht ein.

Daredevil hat ein neues Gadget in seinen Universalblindenstock eingebaut: ein Mikrofon, mit dem er die ganze Stadt belauschen kann. So findet er heraus, wo der Übeltäter gerade entlangstelzt. Aber kaum ist die Fährte aufgenommen, ist der Stiltman spurlos verschwunden.

Stiltman ist nicht zu fassen

Im Büro nervt mal wieder Karen mit der Augen-Op für Matt, aber der reagiert diesmal anders: Es wäre wunderbar, wieder sehen zu können, sagt er, denn dann könne er seine Augen an ihrem Anblick weiden. Dabei berührt er ihr Gesicht. Wenn das kein Liebesbekenntnis ist! Doch in dem Moment sieht der entsetzte Foggy die Szene, jener Foggy, der Karen einen Antrag machen wollte (Daredevil #5). (Was ist eigentlich aus dem Plan geworden?) Gut, dass zufällig mal wieder ein Klient auftaucht. Der Erfinder Wilbur Day will seinen Arbeitgeber Carl Kaxton verklagen, weil er ihm seine Erfindung, einen hydraulischen Lift, gestohlen haben soll. Matt will ihm helfen.

Dann erfahren wir, dass Daredevil noch ein neues Gadget hat: In seiner Maske ist ein Funkgerät eingebaut, mit dem er den Polizeifunk belauschen kann. Seine Hörner dienen ihm als Antennen. So kommt er gerade rechtzeitig, als der Stiltman mit einem Staubsauger (!) Menschen um Geld und Schmuck erleichtert. Ein Angriffsversuch scheitert kläglich, der zweite ebenfalls. Der Stiltman ist einfach nicht zu fassen, zu rutschig sind seine Stelzen, zu ausgeklügelt der Mechanismus. Nicht mal mit Kaxton hat Daredevil Glück: Als er ihm folgen will, lässt dieser ihn per Stromschlag von seinem Auto abblitzen.

Dann stattet Matt mit Wilbur Day Kaxton einen Besuch zu Hause ab, wo sie – Überraschung – die Stelzen im Garten finden. Doch dann stellt sich heraus: Nicht Kaxton ist der Schurke, sondern Day! Matts Supergehör, das auch als Lügendetektor dient, ist zuvor leider gescheitert. Day steigt also in seine Techno-Hosen und hält sich für unbesiegbar – auch weil er den Molecular Condenser dabeihat, einen Strahl, der alles, was er erfasst schrumpfen lässt, bis es ins Nichts verschwindet. Daredevil schafft es mit seinem Drahtseilhaken, den Strahl gegen den Schurken zu wenden. Day schrumpft und verschwindet.

Ist der Mann ohne Furcht ein Feigling?

Allerdings weiß der Held: „Nothing can completely evaporate! He must be somewhere … But he’ll have no way to return! He’s trapped in an escape-proof prison of his own making!“ Wir wissen es besser: In Daredevil #26 (1967) wird der Stiltman wiederkehren.

Zurück im Büro muss sich Matt Vorwürfe von Kaxton gefallen lassen: Hausfriedensbruch! Außerdem ist sein Superstrahl für immer verloren (offenbar hat er sich vorher keine Notizen gemacht). Auch Foggy ist über das unprofessionelle Verhalten seines Partners nicht erfreut und schließlich, nachdem Matt Karen eine Absage wegen der OP erteilt (zu riskant), beschimpf sie ihn als Feigling, wirft ihm vor, er verstecke sich nur hinter seiner Behinderung, um keine Verantwortung zu übernehmen – oder sich zu verlieben.

„Can she be right?“, fragt sich Matt am Ende in seiner Einsamkeit. „Is the man without fear really a coward … afraid of risk regaining his sight? Afraid to ask for the hand of the one he loves??“ Matt fürchtet, durch die OP seine Supersinne zu verlieren. Da er diese aber nicht durch Blindheit, sondern das radioaktive Material erlangt hat, besteht eigentlich kein Grund zur Sorge. Außerdem ist Matt ja eigentlich so gut wie gar nicht blind. Seine Sinne sind so geschärft, dass er angeblich alles noch besser sehen kann als andere. Seine Behinderung ist gar keine. Matt ist ein Faker, die Blindheit dient ihm nur als Maske, damit niemand auf die Idee kommt, er könne Daredevil sein.

Doch nächstes Mal überwindet sich Matt und geht das Risiko der Operation ein. Wie wird es wohl ausgehen? Bis dahin: Nuff said!

Daredevil #7 (1965): In Mortal Combat with… Sub-Mariner

Marvel Comics

Nach sechs Ausgaben in gelber Ringertracht (plus einer in Amazing Spider-Man #16) bekommt Daredevil endlich einen ordentlichen Stil verpasst: ein rotes Kostüm mit schwarzen Schatten. Endlich darf der Teufel wie einer aussehen, auch wenn er natürlich keiner ist – ganz im Gegenteil. Aber auch das macht den Reiz der Figur aus. Wie Batmans Aufzug zum Fürchten sein soll, ist Daredevil der furchtlose Teufel, vor dem die Verbrecher seiner Sphäre Respekt haben sollen. Wer dem Bösen dient, sollte sich vor der obersten Instanz in Acht nehmen.

In seinem ersten Abenteuer in rot trifft Daredevil auf Namor, den Sub-Mariner, den Antihelden, der bereits 1939 seinen ersten Comic-Auftritt hatte und zusammen mit Human Torch und Captain America einen der großen drei Helden beim Marvel-Vorgänger Timely bildete. (Namor wurde übrigens geschaffen von Bill Everett, der auch Daredevil mitschuf und die erste Ausgabe zeichnete.)

Der Sub-Mariner läuft Amok

Namor, Prinz von Atlantis und der Sieben Weltmeere etc., steigt aus dem Meer auf, um die Menschheit zu verklagen. Er beansprucht die Erdoberfläche für sein Unterwasservolk. Angestachelt dazu hat ihn Krang, sein Kriegsherr. Namor taucht also in New York auf und sucht sich erst mal einen Anwalt. Zufällig fällt die Wahl auf – na, wen wohl?  – Nelson & Murdock. Namor ist ein ungeduldiger Herrscher, deshalb verhält er sich wie die Axt im Walde: Er hat keine Lust, sich mit der Funktionsweise von Drehtüren zu beschäftigen, er will nicht auf den Aufzug warten, er zerlegt alles eigenhändig, Türen, Tische, zum Schluss bricht er durch die Wand, als Foggy und Matt ihm erklären, dass man nicht so einfach die Menschheit verklagen kann.

Dann sucht sich Namor eben einen Grund, weshalb sie die Menschen ihn verklagen, und er beginnt, in New York zu randalieren. Das Militär rückt an – und auch Daredevil, der nicht nur ein neues Kostüm hat, sondern auch seinen Stab zu einem Haken mit Seil umfunktioniert hat, sodass er sich wie Batman von Haus zu Haus schwingen kann. Zur Not tut es aber auch ein tieffliegendes Flugzeug als Mitfahrgelegenheit.

Rebellion in Atlantis

Beim ersten Duell zieht Namor Daredevil ins Wasser, er will ihn zu töten, überlegt es sich dann aber anders und wirft Daredevil aus dem Wasser, als dieser nicht mehr atmet. Namor lässt sich festnehmen und vors Gericht ziehen. Zum Glück kriegt er einen Termin am nächsten Tag. Als Namor gerade den Staatsanwalt angehen will, weil er sich respektlos behandelt fühlt, taucht Lady Dorma auf und teilt dem Prinzen mit, dass Warlord Krang eine Rebellion gegen ihn angezettelt hat.

Daraufhin will Namor zurück nach Atlantis und die Geschichte könnte hier einfach zu Ende sein, alle Probleme würden sich von selbst auflösen. Doch man lässt ihn nicht, weil ja noch ein paar Seiten gefüllt werden müssen. Zunächst überredet ihn Matt, noch bis morgen zu bleiben, doch als der Gerichtstermin verschoben wird, bricht Namor aus dem Knast aus. Wieder will ihn das Militär aufhalten – und dann stürzt sich Daredevil wieder in einen Kampf, den er nicht gewinnen kann.

Namor lässt Gnade walten

Daredevil wirft Rauch, er hängt sich an Namors geflügelte Füße und lässt sich von ihm in die Luft tragen (wie kann man mit den kleinen Flügeln überhaupt fliegen?), er rammt ihn mit einer Abrissbirne, lässt Trümmer auf ihn stürzen, versetzt ihm einen Stromschlag – nichts hilft. Am Ende liegt bloß der arme Teufel am Boden. Namor lässt ihn am Leben, aus Respekt. Nicht mal die Fantastic Four und die Avengers hätten mehr Mut bewiesen als Daredevil, denn dieser sei der Verletzlichste von allen. Der Sub-Mariner taucht wieder unter. Die Anklage muss warten.

Hätte man alles auch einfacher haben können, aber dann hätte es diesen spektakulären Kampf nicht gegeben. Aber wo waren in dem Moment gerade die Fantastic Four und die Avengers? Warum musste ausgerechnet es Daredevil allein mit Namor aufnehmen? Egal, denn spätestens jetzt ist klar, was für ein Teufelskerl unser Held wirklich ist.

Nächstes Mal: Stilt Man!

Daredevil #6 (1965): Trapped by… the Fellowship of Fear

Marvel Comics

Daredevil ist bekanntlich The Man Without Fear. Doch jetzt lernt er endlich das Fürchten, nämlich durch die Personifikation der Furcht selbst. Was für Batman Scarecrow ist, ist für Daredevil Mr. Fear, ein Schurke mit Totenkopfmaske und einer Pistole, die Angstgas schießt. Zusammen mit den Schurken Ox und Eel bildet er die Fellowship of Fear.

Ox und Eel versuchen zunächst, eine Bank auszurauben mit einer kreativen Masche: Sie tun so, als würden sie einen Film drehen. Zufällig hört Daredevil die Filmcrew. Alles scheint seine Richtigkeit zu haben, aber dann fällt ihm auf, was wohl jedem New Yorker Anwalt auffallen würde: Moment mal, er hört ja gar kein Script-Girl! Außerdem – etwas naheliegender – gibt es keine Polizei, die die Straße absperrt. Daredevil springt hinzu, doch Ox ist ein Gegner, den kein Schlag aus der Bahn wirft und Eel ist zu glitschig, um ihn zu schnappen. Mr. Fear greift mit seiner Angstpistole ein und Daredevil sucht das Weite.

Daredevil – ein Feigling?

„What’s happened to me?“, fragt sich der Held. „Have I turned … coward?“ Wir sparen uns Wortspiele mit „yellow“ (die kommen erst später in der gleichnamigen Miniserie von Jeph Loeb und Tim Sale) und erzählen lieber die Entstehungsgeschichte von Mr. Fear: Zoltan Drago hatte einst ein erfolgloses Wachsfigurenkabinett voller Abbilder von Marvel-Helden und Schurken. Mittels Chemie wollte er sie zum Leben erwecken, damit ihm die Welt zu Füßen liegt. (Ja, er war verrückt.) Dann atmete er zufällig ein Gas ein, das Angst auslöste, also wurde er zu Mr. Fear. Er malte sich aus, der erfolgreichste Schurke der Welt zu werden. Als Verstärkung holte er sich mittels Angstgas Ox und Eel herbei.

Nach dem ersten gescheitertem Coup beschließen die drei, Daredevil auszuschalten, indem sie ihn in eine Falle locken. Der Köder: Eitelkeit. Mr. Fear hat eine Daredevil-Wachsfigur geschaffen. Der Held selbst werde nicht widerstehen können, sie sich anzusehen. Leider weiß Mr. Fear nicht, dass der Held blind ist. Matts Freunden Foggy und Karen ist es ziemlich egal, sie schleppen Matt einfach mit, sobald sie aus der Zeitung davon erfahren. Daredevil erscheint später nachts. Ox und Eel erwarten ihn schon, getarnt als Wachsfiguren. Da kriegt er wieder eine Ladung Angstgas ab. Wie gut, dass zufällig auch Foggy vorbeikommt und zu helfen versucht. Ein Hieb von Ox bringt ihn aber ins Krankenhaus. (Keine Sorge, nichts Ernstes. Das größere Drama ist mal wieder, dass Karen zwischen zwei Männern steht und Matt nicht begreift, dass sie ihn liebt.)

Dort versuchen die Schurken, den Zeugen kaltzumachen. Daredevil kann seinen Freund retten, indem er zuerst das Licht und dann seine Gegner ausschaltet. Wie gut, dass Mr. Fear ausgerechnet seine Angstpistole vergessen hat! Die Schurken hauen ab, doch Daredevil erwartet sie dann schon im Wachsfigurenkabinett (getarnt als Wachsfigur natürlich), wo er sich noch besser zu helfen weiß: ein bisschen Sand für Eel, ein Ventilator gegen das Gas und ein Täuschungsmanöver für Ox – und die Bande ist erledigt.

Nächstes Mal: Namor, the Sub-Mariner!

Daredevil #5 (1964): The Mysterious Masked Matador

Marvel Comics

Ein Superschurke braucht eine Masche, einen unverkennbaren Stil, einen Gimmick. Dafür kann alles herhalten: eine Eulenmanie (The Owl) oder auch eine lila Hautfarbe (The Purple Man). In seinem fünften Heft trifft Daredevil auf den Matador – einen Mann, der – erraten – das Kostüm eines Matadors trägt. Seine Waffe: ein rotes Tuch! Wer jetzt denkt: „Ein rotes Tuch? Na und?“, der irrt sich, denn die Masche hat es in sich. Der Matador stellt sich damit mitten auf die Straße und lässt mit ein wenig Wedelei einen Transporter verunglücken. Wer kommt gegen so eine fiese wie gleichzeitig geniale Methode an?

Daredevil natürlich! Der neue Zeichner Wally Wood hat dem Heldenkostüm ein kleines Update verpasst: Er trägt jetzt Rundkragen statt V-Neck und zwei Ds auf der Brust, damit die Alliteration des Namens besser zur Geltung kommt. Die Hörner bleiben aber, denn die bekommen bei diesem Gegner endlich eine neue Bedeutung – Daredevil wird zum Stier. Doch zunächst ist er bloß der Gehörnte. Er erkennt zwar den Matador am Schwingen des Tuches, wobei er gegen die rote Farbe natürlich immun ist, doch der Schurke kann dank seiner Wedelei entkommen. (Außerdem muss Daredevil ein Menschenleben retten, was ihn ablenkt.)

Rotes Tuch für Daredevil

Foggy bandelt weiter mit Karen an, die beiden wollen zu einem Kostümball. Foggy lässt sich zu Beginn aber von Matt vertreten, weil er noch arbeiten muss. Karen geht als Kleopatra, Matt braucht kein Kostüm, ein Blinder hätte ja eh keinen Spaß daran, soll wohl die diskriminierende Botschaft sein. Doch genau da kreuzt der Matador auf, der mit seinem Kostüm in der Menge so unauffällig ist, dass zunächst auch niemand bemerkt, wie er vor allen Gästen einen Safe ausräumt. Nur der blinde Matt erkennt ihn am Rascheln seiner Kleidung (statt – wie es näher läge – am Geruch).

Sogleich stürzen sich alle anwesenden Männer auf den Matador, doch der entzieht sich ihnen dank seiner ständigen Tuchwedelei. Karen sperrt Matt aus Sicherheitsgründen in ein Nebenzimmer (schaut aber selbst lieber dem Kampf zu), Matt kommt dieser weitere Diss nur recht, denn so kann er sich umziehen. Als Daredevil sich am Matador versucht, verhält er sich wieder wie ein tumber Stier, der das Tuch nicht zu fassen kriegt. Seine Rechtfertigung: Die Geräusche der Menge seien schuld. Am Ende bekommt er das Tuch über den Kopf gestülpt und der Matador verabschiedet sich mit einem Schlag auf den Kopf.

Armer einsamer Teufel

Matt muss später mitansehen, wie Kinder den Kampf nachspielen und den Matador zum Helden stilisieren, denn in den USA zählen nun mal nur Gewinner. Es kommt sogar zu einer regelrechten Matador-Manie: Kostüme dieser Art werden der Renner. Das kann Matt natürlich nicht auf sich beruhen lassen. Doch es kommt noch schlimmer: Matt erfährt von Foggy, dass dieser Karen einen Heiratsantrag machen will! Aber Matt leidet im Stillen, verdrängt das Ganze und wird Fatalist:

„After all, can Daredevil offer a girl the type of life all brides dream of? No … this must be fate’s way of telling me that I’m destined to be … a loner! Where Daredevil walks, he must walk alone! Thus do I accept my lonely fate!“

Der Matador geht unterdessen weiter auf Raubzüge. Diesmal benutzt er ein Schwert zum Stabhochsprung und um einen Hebel umzulegen. So raubt er eine Firma für Alarmsysteme aus. Hinterher heißt es: „Most daring crime of the century!“, aber vielmehr sollte sich die Firma über ihre Sicherheitssysteme Gedanken machen.

Daredevil findet mittels Fingerlesetechnik in der Bibliothek heraus, dass der Matador ein gescheiterter Stierkämpfer namens Elongato ist (was übrigens völlig irrelevant ist, um den Schurken aufzuhalten). Matt lockt ihn in eine Falle, indem er als Matt Murdock verkündet, Daredevil sei in Wahrheit der Schurke. Der Matador taucht bei Murdock im Büro auf, um den Fake aufzuklären, doch da erwartet ihn bereits Daredevil zum dritten Duell. Diesmal geht es Schwert gegen Krücke, der Blindenstock zerbricht das Schwert, und am Ende wird dem Matador das Tuch zum Verhängnis, als Daredevil einfach darauftritt, ihn zurückfallen lässt und dann wie ein Stier den Gegner auf die Hörner nimmt.

Wieder mal schlägt ein Superheld einen Schurken mit der eigenen Waffe. Aber das ist ja auch leicht, wenn der Matador an seinem Tuch hängt wie Linus an seiner Schmusedecke …

Nächstes Mal: The Fellowship of Fear!

Daredevil #4 (1964): Killgrave, the Unbelievable Purple Man!

Marvel Comics

Ein Mann mit violetter Hautfarbe und passendem Outfit betritt eine Bank und lässt sich ganz ohne Dokumente einen Koffer mit Geld füllen. Erst als der Mann wieder weg ist, fällt dem Kassierer auf, was geschehen ist. Der Mann, der sich Killgrave nennt, wird kurz darauf von der Polizei gefasst und dem Haftrichter vorgeführt. Da Killgrave aber keinen Anwalt will, wird ihm ein Pflichtverteidiger gestellt. Zufällig fällt die Wahl – mal wieder – auf Nelson & Murdock. Foggy ist verhindert, Matt hat offenbar – mal wieder – nichts Besseres zu tun und nimmt den Fall an, blind sozusagen …

Karen begleitet ihren Schwarm zum Klientenbesuch in den Knast. Kaum sind sie da, öffnet der Wärter Killgrave die Zellentür und der Häftling haut ab (fragt sich nur, warum erst jetzt) – und nimmt Karen mit. Matt schlüpft ins Daredevil-Kostüm, doch als er ihn schnappen will, stachelt Killgrave Passanten an, sich auf den Helden zu stürzen. Der Purple Man kann Menschen mit schierer Willenskraft manipulieren – nur Daredevil scheint immun dagegen zu sein, vielleicht weil er als Mann ohne Furcht einfach zu willensstark ist. Der wütende Pöbel zerreißt ihm seinen neuen Rucksack (siehe Daredevil #3), er entkommt nur mit knapper Not und erzählt später Foggy von Karens Entführung. Der ist außer sich. Spätestens jetzt ist auch Matt klar, dass Foggy Karen liebt.

Wie Killgrave zum Purple Man wurde

In der Zwischenzeit rekrutiert Killgrave einen Haufen von Athleten als Bodyguards und belegt die oberste Etage des Ritz Plaza Hotels. Daredevil rüstet sich für den Kampf, durchsucht die ganze Stadt nach dem Schurken, indem er sinnlos durch die Gegend rennt (immerhin kann er sogar den Nordpol spüren, wie man erfährt), aber er hätte sich das sparen können, denn er erfährt schlie0lich aus dem Radio, wo sich Killgrave aufhält.

Daredevil kommt zum Fenster hereingesprungen, benutzt seinen Knüppel als Bumerang. Schließlich befiehlt der Mann in Lila Karen, sich an den Rand des Hochhauses zu stellen. Er droht, sie springen zu lassen, und hält Daredevil eine Waffe vor. Bevor er sich erschießen lässt, hat er noch einen letzten Wunsch: Er lässt sich erzählen, wie Killgrave zum Purple Man wurde. Dieser war einst ein feindlicher Spion und hat in einem Labor durch einen Unfall ein violettes Nervengas abgekriegt. Daher die Farbe und der Nebeneffekt, Menschen tun zu lassen, was er will.

Daredevil zeichnet das Geständnis mit einem Mini-Rekorder in seinem Stock auf, damit hat er ein Beweismittel gegen ihn. Dann entwaffnet er den Schurken, schnappt sich Karen und springt in die Tiefe, wo eine Podest sie auffängt. Am Ende wickelt er Killgrave in ein weißes Tuch, das ihn seiner Kräfte beraubt. Fall gelöst.

Am Ende denkt sich Matt, dass er Foggy zuliebe niemals Karen seine Gefühle offenbaren werde. Doch der wahre Skandal sind die Kommentare von Foggy und Karen: Der Freund bemitleidet ihn für dessen Blindheit und Karen sagt: „And yet, for some strange reason, I sometimes feel he sees more than any of us! I guess I’m just a silly female!“

Und da heißt es immer, Marvel sei in den 60ern gegenüber DC so fortschrittlich gewesen …

Nächstes Mal: The Matador!

The Amazing Spider-Man #16 (1964): Duel with Daredevil

Marvel Comics

Schnell hat es Marvel verstanden, seine Helden miteinander in Beziehung zu setzen und so ein zusammenhängendes Comic-Universum zu schaffen. Spider-Man tauchte schon auf dem Cover der ersten Daredevil-Ausgabe auf. Bald darauf trafen sie aufeinander – in The Amazing Spider-Man #16, und zwar im Zirkus.

Doch zuvor rettet Spidey Matt Murdock vor ein paar Räubern, die ihn als ungeliebten Ohrenzeugen loswerden wollen, nachdem er zufällig ihren Weg gekreuzt hat. Spider-Man verdrischt die bösen Buben und verzichtet auf den Dank – Matt solle ihn lieber in seinem Testament erwähnen. In Matts Kanzlei wollen ihn Foggy und Karen mit in den Zirkus nehmen. Dass das für Blinde vielleicht nicht das größte Vergnügen ist, erkennen sie nicht. Matt will lieber Arbeit nachholen. Foggy tadelt ihn, er solle seine Behinderung nicht als Ausrede für ein Leben als Einsiedler zu missbrauchen. Doch als Matt hört, dass Spider-Man auftreten soll (für einen guten Zweck), kommt er doch mit. Foggy und Karen wollen die nötige Audiodeskription liefern.

Gemeinsam gegen den Ringmaster

Der Haken an der Sache: Die Zirkusvorstellung ist Betrug! Der Schurke Ringmaster (der sich bereits mit dem Hulk angelegt hat) behauptet bloß, dass Spider-Man kommt, um das Zelt zu füllen. Dann will er die Menge hypnotisieren und ausnehmen – natürlich nur zum eigenen Nutzen. Trotzdem bereitet sich seine Bande auf eine Vorstellung vor. Die Tarnung soll offenbar perfekt sein. Als Peter Parker die Plakate für die Show sieht, schickt er nicht etwa die Polizei vorbei, sondern geht selbst hin, natürlich im Kostüm.

Als er der Menge seine Tricks vorführt, unterwirft der Ringmaster alle Anwesenden seinem Willen und lässt sie bestehlen. Alle Anwesenden? Nein, natürlich ist Matt dagegen immun. Seine Schwachstelle wird ihm zum Vorteil. Er schlüpft ins Daredevil-Kostüm, um den Schurken aufzuhalten, da jagt dieser Spider-Man auf ihn und es kommt zum Kampf in der Manege. Doch der währt nicht lange, denn Daredevil bringt den Ringmaster um seinen Hypno-Hut und kann Spider-Man wieder zur Vernunft bringen. Der Ringmaster jagt dann seine Bande auf die beiden.

Rückzug für Spider-Mans Solo

Doch dann passiert etwas Seltsames: Statt mit vereinten Kräften den Gaunern das Handwerk zu legen, findet sich Daredevil plötzlich überflüssig, zieht sich wieder um und setzt sich zurück in die Tribüne. Spider-Man wird spielend allein mit den anderen fertig. Und so sehen wir ihn auf den letzten Seiten Gewichte werfen, auf dem Trapez schwingen und die Gauner in Spinnweben einwickeln, während er seine Sprüche kloppt. Gegen Ringmasters letzten Angriff ist er immun, weil er einfach die Augen vor seinem Hut verschließt. Warum Daredevil den Hut überhaupt aus der Hand gegeben hat, bleibt offen – wahrscheinlich nur damit es diese Szene geben kann. Spider-Man kann damit am Ende alle wieder entzaubern, obwohl es auch gereicht hätte, abzuwarten, bis die Wirkung von selbst nachlässt.

Am Ende bedauert Spider-Man, Daredevil nicht näher kennengelernt zu haben. Tatsächlich ist diese Chance etwas verschwendet und es wirkt, als ob in einem Spider-Man-Heft der Titelheld auf keinen Fall zu kurz kommen dürfte. Doch zum Kennenlernen werden die Helden bald noch Gelenheit bekommen: in Daredevil #16. In der nächsten Daredevil-Ausgabe (#4) wird unser Held wieder mit einem Gedankenmanipulator zu tun kriegen: Killgrave, the Purple Man!

Daredevil #3 (1964): The Owl, Ominous Overlord of Crime

Marvel Comics

In der dritten Ausgabe bekommt Daredevil endlich seinen ersten eigenen Superschurken: The Owl! Das ist ein dicker Mann, der nicht nur aussieht wie eine Eule, sondern auch fliegen kann. Aber der Reihe nach. Zunächst ist Owl, der offenbar noch keinen richtigen Namen hat (denn der sei längst vergessen, heißt es), dabei tritt er zunächst als legaler Geschäftsmann auf.

Doch Owl ist kein normaler Geschäftsmann: Er hat keine Familie, keine Freunde, sein Ruf eilt ihm voraus, er gilt als sehr reich, sehr mächtig und skrupellos. Wie skrupellos, beweist er im Umgang mit seinem Buchhalter: Das Finanzamt ist hinter diesem wegen Steuerbetrugs her – und das weil Owl ihn reingeritten hat. Der arme Mann stürzt sich aus dem Fenster. Die Polizei will Owl daraufhin verhören, er kommt mit, selbstsicher beteuert er, keinen Anwalt zu brauchen, dann sucht er sich den nächstbesten aus dem Telefonbuch. Und das ist – erraten – Matt Murdock.

Ein Ball aus Kleidung

Der macht sich gleich auf den Weg, nimmt aber weder Taxi noch U-Bahn, sondern läuft zu Fuß als Daredevil über die Dächer. Seine Zivilkleidung rollt er zu einem Knäuel zusammen und dribbelt damit wie mit einem Basketball. Wie durch ein Wunder ist sein Anzug hinterher knitterfrei. Matt spürt sofort, dass von seinem Klienten eine böse Energie ausgeht. Er ist so von ihm eingenommen, dass er ihn zunächst einfach nur anschweigt, bis Owl ihn fragt, ob er nichts zu sagen habe. Dann trennen sich wieder ihre Wege: Das war’s dann, bis morgen. Doch Owl taucht vor Gericht nicht auf.

Wo er nur stecken mag? Daredevil sucht die ganze Stadt nach ihm ab, doch ohne Erfolg. Er hat sich zu diesem Zweck sogar einen kleinen roten Rucksack genäht, das ist praktischer, um seine Zivilkleidung mit sich herumzuschleppen, sieht aber immer noch albern aus.

Die fette Eule kann fliegen

Leider kann Daredevil das Offensichtliche nicht sehen: Owl hat sich in seine Eulenfestung zurückgezogen, die in Eulenform auf einem Felsen an der Küste liegt. Owl hockt auf einem Eulenthron, eine Eule auf seiner Schulter. Sein früheres Leben gibt er auf für eine Schurkenkarriere und rekrutiert die Gauner Sad Sam und Ape als Handlanger. Der eine ist ein toller Schütze, der andere kann Gorillas niederringen. Owl schickt sie trotzdem mit einer Falltür in die Tiefe, doch dann fängt er sie selbst wieder auf – denn der Schurke kann, trotz seines enormen Gewichts und völlig fehlender Aerodynamik, wunderbar fliegen oder zumindest gleiten. Der Mantel macht’s anscheinend möglich.

Zwischen Matt und seiner Sekretärin Karen Page geht das Melodrama inzwischen weiter: Sie ist schwer verliebt in ihn, er gibt sich unnahbar, vor allem nachdem sie ihn wieder auf die Augen-OP anspricht. Dann macht er seinem Partner Foggy auch noch falsche Hoffnungen, indem er behauptet, sie wolle von ihm nach Hause begleitet werden. Das sagt er nur, um sich in Ruhe wieder das Daredevil-Kostüm anziehen zu können, denn er spürt Owl im Büro nebenan.

Daredevil gesteht Karen seine Liebe

Eine Prügelei später entfürt Owl Karen, Daredevil gibt sich geschlagen, die beiden werden gefangen genommen in Riesenkäfigen. Der Held befreit sich mit seinem Stock, traut sich aber nicht, den bei Karen anzuwenden, damit ihr nicht auffällt, dass es Matts Blindenstock ist. Allerdings hat er sich schon verraten, indem er sie Karen genannt hat. Daredevil kann ihr dafür mächtig imponieren, indem er ihre Gitter aufbiegt. Es kommt zum Zweikampf mit Owl, eine kurze Verfolgungsjagd endet im Wasser – Daredevil hält den Schurken auf, als er gerade mit einem Motorboot abhauen will, kann ihn aber im Wasser nicht hören. Owl verschwindet spurlos.

Daredevil gesteht Karen seine Liebe: „I’ve seen you in my dreams since I can remember, Karen!“ Und obwohl sie seine Stimme wiedererkennt und obwohl Matt sie an Daredevil erinnert, kommt sie bis zum Schluss nicht drauf, dass es Matt ist. Denn die beiden seien ja trotz allem so total unterschiedlich …

Nächstes Mal: Daredevil trifft Spider-Man!

Daredevil #2 (1964): The Evil Menace of Electro

Marvel Comics

Daredevil steigert sich: In seiner zweiten Ausgabe kämpft er gegen den ersten Superschurken. Electro ist noch kein eigener Erzfeind, sondern nur eine Leihgabe von Spider-Man. Doch zuvor erscheint The Thing bei Nelson & Murdock im Büro (und zerlegt gleich die Tür), um den neuen Mietvertrag fürs Hauptquartier der Fantastic Four prüfen zu lassen. Leider ist Matt nicht da und Foggy muss The Thing vertrösten, sodass er unverrichteter Dinge ins Fantasticar steigt, das draußen vor dem.Fenster wartet. Die Superheldengruppe, mit der 1961 das „Marvel Age of Comics“ begann, wird damit zum zweiten Mal zum Testimonial für den neuen Helden.

Daredevil hat in der Zwischenzeit anderes zu tun: eine Bande von Autodieben auszuheben, die in einer Werkstatt das Diebesgut umlackieren, um es weiterzuverkaufen. Nach drei Seiten sind die Gauner besiegt, aber nicht der Drahtzieher, der ist nämlich Electro. Als er sieht, dass sein Geschäft aufgeflogen ist, sagt er sich: „I was bored with stealing cars anyway!“ Da die FF unterwegs sind, plant er einen neuen Coup: Er will in ihr Hauptquartier einbrechen und dort die wissenschaftlichen Geheimnisse stehlen, um sie an eine feindliche Nation zu verkaufen. Electro ist ein Landesverräter!

Daredevils Odysee im Weltraum

Karen schlägt Matt vor, eine Augenoperation machen zu lassen, die ihn wieder sehen lässt, aber Matt reagiert verhalten. Er fürchtet insgeheim, dass er seine Supersinne dadurch verlieren könnte. Das ergibt zwar keinen Sinn, denn warum sollten sie, aber da kommen noch hanebüchenere Ereignisse auf uns zu..

Electro bricht also im Baxter Building ein, als gerade Matt dort auftaucht. Es kommt zum Kampf mit Daredevil, der Held will ein Gewicht von The Thing nach Electro werfen, aber damit verhebt er sich. Electro knockt ihn aus und will ihn töten. Aber er kann ihn natürlich nicht einfach erschießen. Daredevils Ende muss schon der Genialität eines Meisters der Elektrizität angemessen sein. Er könnte ihn mit Stromschlägen töten, aber nein, es kommt noch wilder: Electro steckt den armen Teufel in eine Rakete der FF und schickt ihn damit ins All.

Perfekter Blindflug

Der Street Level Hero erreicht also schon früh sehr viel höhere Sphären. Kaum kommt er wieder zu Bewusstsein, befreit er sich von den Fesseln und versucht, die Rakete zurück zur Erde zu bringen. Doch wie soll das gehen, wenn man blind ist? Ganz einfach. Daredevil kann schließlich die Bewegung der Hebel hören, wenn er an Rädchen dreht, sowie die Energie und die Richtung des Fluges spüren (trotz Schwerelosigkeit). Also geht es ziemlich präzise zurück nach New York, wo er das Kunststück vollbringt, sogar mitten im Central Park zu landen. Das ist wohl der spektakulärste Blindflug in der Geschichte der Menschheit.

Per Pferd geht es zurück ins Baxter Building, er schwingt sich auf einen Helikopter und bricht durch ein Oberlicht ins FF-Hauptquartier, wo Electro gerade den Safe aufbricht. Nach einer Verfolgungsjagd kommt es zum Finale im Theater. Daredevil lässt den Vorhang fallen, Electro verfängt sich und wird von der Polizei mit Wasserschläuchen in Schach gehalten.

Am Ende schweißt Daredevil den kaputten Safe der FF zusammen, den Auftrag für den Mietvertrag verliert er leider, da er dafür keine Zeit hatte. Da gehen sie hin, die großen Helden – und damit eine Chance für die noch junge Kanzlei. Aber Daredevils Geheimnis bleibt gewahrt.

Nächstes Mal: The Owl!

Daredevil #1 (1964): The Origin of Daredevil

Marvel Comics

Wie aus dem Nichts kommt Daredevil auf seinem ersten Cover ins Bild gesprungen, über die Köpfe von Gaunern mit Pistolen hinweg, sodass einem sogar der Hut wegfliegt. Und doch wird klargestellt, dass der neue Held nicht ganz aus dem Nichts kommt. Denn er wird in eine „Marvel Tradition“ gestellt, die zwar noch sehr jung ist, gerade mal drei Jahre, aber schon viele Superhelden erfolgreich eingeführt hat wie Spider-Man (1962) und die Fantastic Four (1961) – und beide werden auf dem Cover aufgeführt, um klarzustellen, in welch guten Gesellschaft der neue Held sich bewegt.

Dennoch ist er, so wird behauptet, anders als andere Verbrechensbekämpfer – nein, Matt Murdock gilt sogar als „the most unusual hero of all“. Und auf Seite eins wird auch der Sammlergeist der Leser angesprochen: Daredevil #1 soll bald so wertvoll werden wie The Amazing Spider-Man #1, in dem er auf die Fantastic Four traf.

Kostümierter Clown in gelb und rot

Zu Beginn ist Daredevil noch gelb, schwarz, rot – und wird auch nicht ganz ernst genommen. Als er bei vier Gangstern in Fogwell’s Gym auftaucht, um mit ihrem Boss, dem Fixer, abzurechnen, hält ihn einer für einen Wrestler, einer will ihm einen Job anbieten, aber ein dritter macht sich über sein Kostüm lustig. Daredevil gilt als „costumed clown“, sie wollen ihn verprügeln, doch er beweist auf den nächsten zwei Seiten, dass er ein ernst zu nehmener Gegner ist. Mit akrobatischen Tricks überwältigt er die vier, zudem schlägt er einem mit seinem Knüppel ein Gewehr aus der Hand. Am Ende sind alle überwältigt, ohne dass der Held auch nur einen Gegenschlag kassiert hat – erst dann stellt er sich vor: „Daredevil“.

Dann wird in einer Rückblende erzählt, wie er entstanden ist: Matthew „Matt“ Murdock wächst ohne Mutter als Sohn des Boxers Battling Murdock auf. Als Achtjähriger würde er gerne mit anderen Kindern Baseball spielen, aber sein Vater will, dass er für die Schule lernt. Aus dem Jungen soll mal was werden, das hat der Vater einst der Mutter versprochen. Matt soll nicht als abgehängter Boxer enden. Und so lernt er, statt mit anderen Jungs Sport zu treiben, er wird verspottet als „Daredevil“. Aber als er seine Kraft erkennt, macht er seine Leibesübungen heimlich: Er stemmt Gewichte, springt Seil, übt Boxen und Rudern.

Zwei Tragödien: Unfall und Mord

Matt erleidet einen Rückschlag, als er einen blinden Mann davor bewahrt, von einem Lastwagen überfahren zu werden. Der Lkw transportiert radioaktives Material, ein Fass löst sich und kontaminiert Matt. Er wird blind, aber nimmt es mit Fassung: Es könnte schlimmer sein, immerhin sei er am Leben, sagt er seinem Vater. Er will weiterlernen, denn Bücher gibt es zum Glück auch in Braille-Schrift. Und er setzt auch sein körperliches Training fort. Dank seiner geschärften Sinne (wahrscheinlich eine Begleiterscheinung der Radioaktivität) kann er seine Blindheit kompensieren. Er kann Herzschläge hören, Menschen am Geruch erkennen und eine Art Radarsinn macht sogar einen Blindenstock überflüssig.

Der Vater will seinen Sohn durchs College bringen, bekommt aber keine Kämpfe mehr, also nimmt er das Angebot des zwielichtigen Managers namens Fixer an, gewinnt ein paar Duelle, aber es stellt sich hinterher heraus, dass sie nur getürkt waren, um seinen Ruf aufzubauen. Beim nächsten Mal soll er auf Kommando umkippen. Doch weil sein Sohn zuschaut und er ihn als Vorbild nicht enttäuschen will, gibt er nicht klein bei und gewinnt. Daraufhin lässt in der Fixer von seinem Handlanger Slade erschießen.

Matt rächt seinen Vater

Matt macht seinen Abschluss, macht zusammen mit seinem Freund Foggy Nelson eine Anwaltskanzlei auf, lernt die Sekretärin Karen Page kennen. Dann will er den Mörder seines Vaters rächen. Doch er findet sich in einem moralischen Dilemma wieder: Er musste seinem Vater versprechen, niemals ein Kämpfer zu werden. Die Lösung: eine Doppelidentität als Daredevil. Er näht sich ein Kostüm, macht seinen Blindenstock zu einer Waffe. Das Zeichen seiner vermeintlichen Schwäche wird zu seiner Stärke.

Als er später den Fixer und Slade konfrontiert, will er ihn zu einem Geständnis bringen. Der Fixer bestreitet den Mord. Slade stürzt Daredevil aus dem Fenster, der schwingt sich aber wieder hoch. Später verstaucht er sich die Hand, nachdem ihm der Fixer den Teppich unter den Füßen weggezogen hat. Daredevil verfolgt die beiden anhand des Zigarrenrauchs; weil er in zivil auftritt, erkennen ihn die beiden nicht. Schließlich überwältigt er (wieder umgezogen als Daredevil) den Fixer in einer U-Bahn-Station, der stirbt an einem Herzinfarkt. Dann bringt er Slade mit einem Bluff zu einem Geständnis und die Polizei nimmt den Mörder fest.

Am Ende sagt Foggy Matt, dass Slade sie um rechtlichen Beistand gebeten habe, aber Foggy habe ihn abgewiesen, weil er ihn für schuldig halte. Matt macht das nichts aus. Stolz steht er im letzten Panel da, die Hände mit dem Stock auf dem Rücken und schaut die Stadt hinaus, während die Silhouette von Daredevil seinen Schatten bildet. Stan Lee kündigt an: „This is just the beginning! We’ve only scratched the surface!“

In der nächsten Ausgabe trifft Daredevil auf seinen ersten Superschurken: Electro.

Daredevil: End of Days

Marvel

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Wenn Orson Welles Daredevil geschrieben hätte, wäre wohl End of Days (2012, dt. Das Ende aller Tage, 2014) dabei herausgekommen. Die siebenteilige Mini-Serie geht davon aus, dass Matt Murdock im Kampf gegen Bullseye getötet wird. Daredevils letztes Wort: Mapone. Reporter Ben Urich versucht herauszufinden, was das bedeuten könnte. Nur so viel ist klar: ein Schlitten ist es nicht.

Wie in der Vorlage Citizen Kane geht der Reporter Klinkenputzen: von Weggefährten wie Black Widow und Elektra bis zu Gegnern wie dem Punisher. Doch die meisten haben keine Lust, Auskunft zu geben, wissen nichts oder vertrösten ihn mit rätselhaften Antworten. In Rückblenden wird klar, dass Daredevil einst selbst zum Kingpin aufgestiegen ist und schließlich sogar Wilson Fisk ermordet hat. Seine Rechtfertigung: „I tried everything else.“

Das Szenario ist dystopisch: Die Zeitung Daily Bugle steht kurz vor dem Ruin, die Redaktion ist ausgedünnt, James Jonah Jameson ist ein unermüdlicher Idealist, der als Chefredakteur seine Reporter zu motivieren versucht. Im Gegensatz zu dem Journalisten in Citizen Kane ist Ben Urich nicht nur eine Funktion, sondern der eigentliche Held der Geschichte. Zunächst geht er seiner Story nur widerwillig, aber nicht unemotional nach: Er hat eine persönliche Bindung zu Murdock und gerät bei seiner Recherche selbst in Gefahr. Dabei wird er von Daredevil gerettet – doch wer steckt hinter der Maske? Ist Murdock vielleicht nicht tot?

Wenn man sich erst einmal an den sperrigen Zeichenstil von Klaus Janson gewöhnt hat, entfaltet End of Days seine ganze Pracht: gemalte Splash Pages von Bill Sienkiewicz, Doppelseiten mit bis ins kleinste Raster fragmentierte Sequenzen, die an Frank Millers Stil in The Dark Knight Returns erinnern. Brian Michael Bendis und David Mack beweisen mit dieser Mini-Serie ihre Meisterschaft als Erzähler einer eindringlichen und sehr menschlichen Story. Wäre es wirklich die „letzten Daredevil-Story“, wäre sie wohl der würdigste Abschluss, den sich ein Superheld wünschen kann. Das Werk muss den Vergleich mit Orson Welles Citizen Kane nicht scheuen. Ein moderner Klassiker.

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