Kingpin

Daredevil by Chip Zdarsky Vol. 2: No Devils, Only God

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Marvel

Matt Murdock hat als Daredevil aufgehört. Zwei Monate ist das jetzt her. Er arbeitet nur noch als Bewährungshelfer. Dann trifft er auf den Bruder des von ihm getöteten Einbrechers und die Vergangenheit holt ihn wieder ein. Nachahmer scheinen sein Erbe als Daredevil anzutreten.

In der Zwischenzeit gibt Wilson Fisk (Kingpin) sein kriminelles Imperium auf, um sich fortan künftig ganz dem Bürgermeisteramt und dem legalen Marihuanahandel zu widmen. Matt erfährt davon, als ihn eine Buchhändlerin, Mindy Libris, für die er sich interessiert, zum Essen einlädt und er feststellt, dass er bei der Libris-Mafia speist, angeführt von Isabelle „Izzy“ Libris.

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Coverausschnitt von Daredevil #8 (Marvel)

Man spielt mit offenen Karten. Wie schon beim Punisher in Know Fear liefert sich Matt ein Wortduell mit Libris über die Moral des Verbrechens. Ihrer Ansicht nach vertritt sie das kleine Übel, denn durch sie bleiben etwa die Mieten in Hell’s Kitchen bezahlbar. Auch rechtfertigt sie Gewalt als ein effektives Mittel, um eine gewisse stabile Ordnung aufrecht zu erhalten. Matt hält dagegen, dass Gewalt ein Rückfall in vorzivilisatorische Zeiten bedeutet. Er glaubt an die Regeln der Gesellschaft. – Doch da wird die Debatte gestört von einem Attentäter.

Matt Murdock muss Daredevil sein

Schon früher wird Matt aktiv, indem er die Polizei verständigt, sobald er ein Verbrechen in der Stadt hört, einmal wird er in zivil handgreiflich, um einen Jungen zu befreien, dazu zieht er sich nur eine notdürftige Maske über den Kopf. Im Laufe der Erzählung wird klar: Matt kann nicht anders. Seine Fähigkeiten (oder besser Gottes Gaben) zwingen ihn geradezu moralisch dazu, sie für das Gute einzusetzen. Am Ende rettet er sogar Detective Cole North vor einer Verschwörung seiner eigenen Kollegen.

Auch was die Frauen angeht, kommt es, wie es kommen muss: Matt bandelt mit Mindy an, doch dann taucht wieder Elektra auf, was in der nächsten Storyline weitergeführt wird …

Visuell ist das alles weniger elegant inszeniert als im ersten Teil. Lalit Kumar Sharma ist ein Zeichner, der seinen Zweck erfüllt, aber seine Figuren haben nicht dieselbe Feinheit und denselben Ausdruck wie die des Vorgängers, Marco Checchetto. In den sperrigen Zeichnungen fehlt es an Eleganz. Allein das letzte Kapitel von Jorge Fornés mit seinem sparsamen Stil, den Noir-Schatten und den flächigen Farben und sorgt für ein äußerst packendes Finale. Optische Höhepunkte bleiben aber die Cover von Julian Totino Tedesco und Chip Zdarsky selbst. Dessen Cover zu Ausgabe 8 zeigt eine wunderbare Variation von Leonardos Letzem Abendmahl.

>> Liste der Daredevil-Comics

Daredevil by Chip Zdarsky Vol. 1: Know Fear

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Marvel

Nach seinem Unfall und Nahtoderlebnis (siehe Death of Daredevil) hat sich Matt Murdock wieder regeneriert und versucht, mit Schmerzmitteln und schnellem Sex wieder zu sich zu finden. New York ist nicht mehr seine Stadt: Wilson Fisk (einst Kingpin) ist Bürgermeister (siehe Mayor Fisk) und toleriert keine Vigilanten mehr. Die Polizei hat Befehl, Superhelden festzunehmen. Als Daredevil drei Einbrecher angreift, stirbt einer dabei durch ein Schädeltrauma. Von da an wird der Held als Mörder gesucht.

Matt vermutet ein Komplott gegen ihn, doch Fisk beteuert seine Unschuld und alles deutet darauf hin, dass Matt – wenn auch unabsichtlich – tatsächlich einen Tod verursacht hat. Der neue Detective Cole North nimmt die Jagd nach Daredevil auf und schon bald darauf erwischt er ihn auch – mit einer Kugel.

Doch das sind nur zwei Wendungen in einem wendungsreichen Auftakt, den Autor Chip Zdarsky (Spider-Man: Life Story) uns da erzählt. In jedem Kapitel stecken spannende Ideen. Daredevil trifft auf Frank Castle alias den Punisher, auf seine Freunde von den Defenders und auf Spider-Man. Sie alle fragen sich, was in ihn gefahren ist, denn von da an benimmt er sich immer erratischer. Solange DD noch auf freiem Fuß ist, versucht er, gegen das Verbrechen vorzugehen (vor allem gegen Owls Drogenring) und Leuten zu helfen. Doch schon bald wird er genötigt, seine Maske aufzugeben – was er auch tut.

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Coverausschnitt zu Daredevil #2 (Marvel)

Einfühlsam erzählen Zdarsky und Zeichner Marco Checchetto von einem Daredevil, wie ihn schon Frank Miller (Born Again) meisterhaft inszeniert hat: als einen gebrochenen Mann, der gegen alle Widrigkeiten des Daseins ankämpft. Der noch am Boden liegend nicht aufgeben will – und es dann doch tut. Das Neue: Zum ersten Mal ist Daredevil direkt für einen Tod verantwortlich und muss sich mit einer Schuld auseinandersetzen. Interessanterweise tut er das aber nicht direkt, sondern leugnet das lange, wie auch die Erzählperspektive zunächst wechselt, um von der Verantwortung abzulenken, bis sie nicht mehr zu leugnen ist.

Höhepunkt in einer Reihe von Höhepunkten ist das Wortduell mit dem Punisher. Frank konfrontiert ihn mit dem Vorwurf, sich zu lange um das Morden von Verbrechern gedrückt zu haben, Daredevil beharrt aber darauf, dass dies nicht sein Weg ist und er sich von Frank distanziert. Die Debatte nimmt eine interessante Wendung, in der am Ende die alte moralische Frage unbeantwortet in der Schwebe bleibt.

Angereichert mit sensibel erzählten Episoden aus Matts Jugend ist Know Fear starker Anfang, der große Lust auf mehr macht, dabei zuzusehen, wie unser Held aus dieser großen Krise herauskommt. So muss ein Daredevil-Comic sein.

>> Liste der Daredevil-Comics