Comic

The Amazing Spider-Man Annual #1 (1964)

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Erster Auftritt der Sinister Six: The Amazing Spider-Man Annual #1 (Marvel)

Doctor Octopus! The Vulture! Electro! Sandman! Mysterio! Und Kraven the Hunter! Alle großen Schurken in einem Heft, zum ersten Mal als Sinister Six – das alles und noch viel mehr bietet das erste Spider-Man-Annual. Ein Jahr habe es gedauert, diese 41 Seiten herzustellen, schreibt Stan Lee. Gelohnt hat sich die Arbeit auf jeden Fall.

Es beginnt mit Doc Ocs Ausbruch aus dem Knast. Seine mechanischen Arme wurden ihm abgenommen, aber er kann sie per Gedanken steuern. Dann trommelt er die übrigen fünf Schurken zusammen, um Spider-Man endlich zu besiegen. Manche wollen ihn gemeinsam schlagen, andere denken, sie werden auch allein mit ihm fertig, immerhin hätten sie es schon mal fast geschafft. Doch Octopus hat einen angeblich idiotensicheren Plan: Jeder zieht eine Nummer und dann darf jeder Mal der Reihe nach drankommen, jeweils an einem Ort, der zu den persönlichen Talenten passt. Damit wird die Idee der Gruppenbildung natürlich ad absurdum geführt. Aber es scheint nach dem Motto zu laufen: Einer muss mal Glück haben.

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Daredevil by Frank Miller & Klaus Janson Vol. 2

Marvel

Der Gladiator scheint wieder zurück zu sein. Er greift nachts ein Paar auf der Straße an. Daredevil ist zur Stelle, um Hilfe zu holen. Als kurz darauf Melvin Potter in der Nähe des Tatorts gefunden wird, scheint die Polizei ihren Schuldigen gefunden zu haben. Doch Potter wird verteidigt von Matt Murdock – und der ist nicht überzeugt von der Schuld.

Als Matt jedoch Melvin mit seiner Assistentin Becky Blake aufsucht, bricht sie zusammen, denn der Gladiator hat sie einst so verprügelt, dass sie seitdem im Rollstuhl sitzt. Melvin droht tatsächlich, rückfällig zu werden. Matt kan ihn davon abhalten. Schließlich kann Daredevil den Gladiator aufspüren und überwältigen. Es handelt sich um einen Doppelgänger: Michael Reese. Er ist für Beckys Zustand verantwortlich.

The Hand gegen Murdock

Als der Prozess um Melvin Potter läuft, findet Elektra heraus, dass die Ninja-Organisation The Hand Matt Murdock umbringen will. Matt kann sich gut alleine gegen vier Ninjas wehren, dann lösen die sich in Rauch auf. Hinter dem Auftrag steckt der Kingpin, der dadurch Daredevil aus der Reserve locken und loswerden will. Beim zweiten Mal rettet ihn Elektra, doch durch eine Bombenexplosion verliert er seinen Radarsinn, was ihn aber nicht daran hindert, weiterhin den Helden zu spielen – und das sogar ohne größere Einbußen.

Elektra befreit Melvin Potter aus einem Gefangenentransport, gibt ihm seine Rüstung und bekämpft mit ihm und Daredevil die Ninjas. Da schickt The Hand seinen Elite-Killer, um Elektra zu töten: den angeblich unsterblichen Jonin. Um an sie heranzukommen, versuchen sich die Ninjas zunächst an Attentaten an Foggy Nelson, die aber Daredevil vereitelt. Gemeinsam mit Elektra bekämpft er die Schurken.

Daredevils Lehrer: Stick

Als DD aber mit ihr anzubandeln versucht, wirft sie ihn aus dem Fenster. Mit seiner Heather scheint er es nicht mehr ernst zu meinen. Er interessiert sich mehr dafür, wieder seinen Radarsinn zu erlangen. Dabei soll ihm sein alter Lehrer, Stick, behilflich sein. Auf einmal suchen alle drei nach Stick: Daredevil, Elektra und sogar Heather.

Als er gefunden ist, lässt sich Matt erneut von ihm trainieren. Während Matt blind mit Pfeil und Bogen auf eine Zielscheibe schießen soll, konfrontiert er sich mit seinen inneren Dämonen, die in der Vergangenheit liegen, sodass alle neuen Leser eine kleine Einführung in Daredevils Anfänge bekommen. Obwohl Stick ein strenger Lehrer ist, der Matt misshandelt, findet dieser auf den rechten Pfad und zu seinem Radarsinn zurück.

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Doch dann rekrutiert Kingpin Elektra und hetzt sie zunächst auf einen Informanten, der den Bürgermeisterkandidaten Cherryh der Korruption bezichtigt sowie auf Daily-Bugle-Reporter Ben Urich. Schließlich wird Daredevil in eine Falle gelockt und es kommt zum Showdown mit Elektra. Sie verletzt ihn am Fuß mit einer Bärenfalle und begräbt ihn unter einer einstürzenden Mauer, doch er kommt mit dem Leben davon und macht mit Gips am Fuß weiter, sodass er mit größter Mühe in der Kanalisation Wilson Fisks totgeglaubte Frau Vanessa aufspürt und zu ihm zurückbringt. Dafür darf DD weiterleben, aber weil irgendjemand sterben muss (Kingpin-Logik), soll Elektra Foggy erledigen. Sie traut sich aber nicht und da zufällig Bullseye aus dem Knast ausbricht, wird er auf sie angesetzt.

ACHTUNG SPOILER!

Im Showdown tötet Bullseye Elektra. Außerdem findet er heraus, dass Daredevil Murdock ist. Nach einem Kampf mit Daredevil wird Bullseye schwer verletzt und landet im Krankenhaus.

Frank Miller probiert für sein Erzählen neue Perspektiven aus: Mal erzählt er aus der Sicht von Ben Urich, mal aus der von Bullseye (Benjamin Poindexter). Visuell macht er ausgiebig Gebrauch von vielen kleinen schmalen Panels, die besonders dramatische Momente wie in Zeitlupe inszenieren. Dabei kommt er völlig ohne Worte aus. Beim letzten Kampf mit Daredevil wird Bullseye nur als schwarze Silhouette mit weißen Kreisen und Handschuhen gezeigt.

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Zwischendurch lässt Miller den Helden auch auf Iron Fist und Power Man (Luke Cage) treffen, die als Bodyguards für Matt Murdock engagiert werden. Schließlich wird Daredevil auch erstmals mit dem Punisher konfrontiert. Dessen Methoden (Mord) kommen bei Hornhead nicht so gut an. Schließlich schafft er es, den Punisher hinter Gitter zu bringen.

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Daredevil #170-172 (1981): Kingpin & Bullseye

Marvel

Der Kingpin ist eigentlich ein Spider-Man-Schurke, der seinen ersten Auftritt in The Amazing Spider-Man #50 (1967) hatte und sich 1981 in Ruhestand befand. Dann hat ihn Frank Miller zurückgeholt und mit Daredevil konfrontiert – was den Kingpin bis heute zum Erzfeind des Helden machte.

Wilson Fisk hat also dem Verbrechen abgeschworen und sich mit seiner Frau Vanessa nach Japan zurückgezogen, wo er sich die Zeit damit vertreibt, acht Leute gleichzeitig zu verprügeln. Da kommen ein paar alte Weggefährten auf die Idee, den Kingpin endgültig zu erledigen. Zuerst entführen sie seine Frau und verlangen die Beweise, die er über sie gesammelt hat, dann soll Bullseye Fisk töten.

Bullseye wurde nach einer Hirn-OP freigelassen, da er wegen seines Tumors als unzurechnungsfähig eingestuft wurde. Daredevil wird beinahe von ihm getötet (und kann sich dank einer USA-Flagge vor einem tödlichen Sturz retten), dann vom Kingpin. Sobald er herausfindet, dass der Held ihm seine Akten stehlen will, setzt er Killer auf ihn an. Aber einfach nur erschießen und ins Wasser werfen hat keinen Stil, sie stecken ihn lieber ins Wasserrohr, was ihm Gelegenheit gibt, lebend rauszukommen.

Der Kingpin übernimmt daraufhin wieder die Unterwelt, rekrutiert Bullseye, bevor dieser ihn töten kann. Wieder kommt es zum Duell mit Daredevil. Diesmal ohne Waffen, wünscht sich der Held, doch dann verwendet Bullseye den „billy club“ gegen ihn. In einem beeindruckenden Würgeduell (neun schmale Panels) schließlich triumphiert DD. Am Ende taucht Kingpin auf, lässt ihn am Leben, übergibt ihm die Beweise gegen seine Feinde und auch Bullseye.

Das ist der Beginn einer wunderbaren Feindschaft.

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Vor 60 Jahren: Spider-Man in Amazing Fantasy #15

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Marvel

Ein Mann im Tierkostüm schwingt sich an einem Arm durch die Stadt, im anderen hält er einen Ganoven fest – ganz klar, das legendäre Cover kennt jeder: Das kann nur Batman sein. Sein erster Auftritt in Detective Comics #27 von 1939. Doch was ist das? 23 Jahre später sieht man das gleiche Motiv: diesmal keine Fledermaus, sondern eine Spinne in Rot, Blau und Schwarz. Das Gesicht ganz verdeckt von einer Maske, aber die toten weißen Schlitzaugen sehen ganz ähnlich aus. Nur das Cape fehlt.

So sprang am 5. Juni 1962 Spider-Man in die Welt. Geschaffen von Stan Lee und Steve Ditko, nicht mal ein Jahr nachdem Lee und Jack Kirby mit den Fantastic Four das Marvel Age of Comics begründet haben. Es folgte Hulk, der Versuch, das Monsterprinzip, das erfolgreich bei The Thing funktioniert hatte, auf einen weiteren Helden zu übertragen. Doch das Konzept hatte noch Startschwierigkeiten. Dann kam Spider-Man – und der schlug ein wie die Fantastic Four.

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Daredevil #169 (1981): Devils

Marvel

Bullseye ist wieder da! – Und das ausgerechnet kurz vor Weihnachten … Als er von einem Hirntumor befreit werden sollte, hat er sich während der Operation befreit und irrt nun durch die Stadt. Der Tumor lässt ihn halluzinieren: Überall und in jedem sieht er seinen Erzfeind Daredevil. Also läuft er Amok und tötet wahllos Unschuldige.

Dann setzt sich Bullseye in ein Kino, wo gerade The Maltese Falcon (dt. Die Spur des Falken) läuft, der Film-Noir-Klassiker von 1941 mit Humphrey Bogart, der auf einem Roman von Dashiell Hammett basiert. Und hier findet der eigentliche Höhepunkt der Story statt, denn während Bullseye auf Zuschauer losgeht, sind zwei Filmfreaks mit Fachsimpeleien über die historische Bedeutung des Films beschäftigt. Hier erweist sich Frank Miller als verspielter Erzähler, der gerne einem Amoklauf einen cineastischen Mini-Essay gegenüberstellt.

Als Bullseye die beiden Nerds entführt, legt er dar, dass nur in Filmen die Guten gewinnen: „In real life, if he’s quick and smart and nasty enough — the bad guy wins!“ Diese Beobachtung scheint auf Comics nicht zuzutreffen, denn bisher hat Daredevil immer gesiegt (genauso wie alle seine Kollegen) und Bullseye hat auch noch keinen Triumph erlangt, aber vielleicht muss er halt noch schneller, smarter und fieser werden. Vielleicht denkt er, man muss es nur oft genug versuchen, bis man Erfolg hat.

Spoiler: Auch hier wird nix draus.

Nach dem Endkampf ist Daredevil zu erschöpft, um den bewusstlosen Bullseye vor der einfahrenden U-Bahn zu retten. Er verdiene zu sterben, denkt sich der Held, Bullseye würde sonst wieder töten. Er hasst ihn – und ringt sich dann doch dazu durch, seinen Todfeind nicht sterben zu lassen. Diese Entscheidung verteidigt er am Ende auch im Disput mit dem Polizisten Nick Manolis, der Daredevil die Schuld an Bullseyes nächsten Opfern gibt. Daredevil antwortet nicht – er weiß, er hat das Richtige getan.

Übrigens: Elektra findet heraus, dass Matt Murdock bereits eine andere hat … Dazu später mehr.

Mehr Bullseye:

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Moon Knight Vol. 1: The Midnight Mission

Marvel

Nach dem kurzen Age of Khonshu (siehe Avengers Vol. 7), in dem der Mondgott versucht hat, die Weltherrschaft an sich zu reißen, hat Moon Knight sich wieder eingekriegt. Er hat als Mr. Knight eine Agentur gegründet, an die man sich wenden kann, wenn man den Helden braucht: die Midnight Mission. So etwa gegen Vampire in der Nachbarschaft. Moon Knight macht die Untoten endgültig kalt, außer wenn sie unfreiwillig zu Vampiren gemacht worden sind. Eine von diesen Opfern darf dann für ihn als Sekretärin arbeiten.

Obwohl sich Marc Spector mittlerweile als Priester in Khonshus Diensten versteht (trotz seines Judentums), sucht sich der Mondgott einen weiteren Handlanger, denn Fäuste kann man ja mindestens zwei haben. So kämpft also Moon Knight gegen eine böse Variante seiner selbst: Hunter’s Moon, was aber schneller erledigt ist als gedacht, nur um dann gegen einen Schurken mit dem einfallslosen Namen Zodiac zu kämpfen, der ebenfalls schneller erledigt ist als man irgendein Interesse für ihn entwickeln kann – auch dank Hunter’s Moon, der plötzlich einer von den Guten ist, denn Konversion geht in Comics bekanntlich sehr schnell.

Außerdem taucht auch noch die Katzenlady Tigra auf, zwischendurch erklärt Marc Spector mal wieder einer Psychiaterin lang und breit Motivation und Handlung – wie schon bei Jeff Lemire und zuvor.

Zeichner Alessandro Cappuccio lässt all diese Mittelmäßigkeit überdurchschnittlich dynamisch und spektakulär erscheinen.

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Moon Knight: Legacy Vol. 2: Phases

Marvel

Woher hat Marc Spector eigentlich seine dissoziative Persönlichkeitsstörung? Das geht – wie so oft – auf ein traumatisches Erlebnis aus der Kindheit zurück. Marc (ein jüdischer Junge) entdeckte, dass sein Onkel Yitz ein Hochstapler ist: kein orthodoxer Rabbi, wie es schien, sondern ein Nazi namens Ernst. Nach dem Zweiten Weltkrieg entging Ernst der Strafverfolgung durch die Alliierten, indem er Marcs Großvater benutzte, um sich als Jude auszugeben und fliehen zu können. Ernst kann sein Leben verlängern, indem er sein Lustzentrum im Hirn stimuliert – indem er das tut, was er am liebsten tut: Juden zu töten. Was er in dem Moment der Erklärung auch unter Beweis stellt.

So lernt Marc auch auf die harte Tour, was die Shoah war, nachdem sein Vater ihm dieses Wissen vorenthalten hat. Nach der Enthüllung floh Ernst. Marc entwickelte seine Störung. Damit hat Moon Knight erneut einen neuen Origin verpasst bekommen. Allerdings bleiben da viele Fragen offen, ohne dass sie geklärt werden. Danach geht es in diesem zweiten Band von Max Bemis zunächst wild mit etwas anderem weiter: Fünf Menschen verbinden sich zu einer Einheit und ziehen dann als Monster, das weitere absorbiert, durch die Gegend, bis sich Moon Knight mit ihnen verbindet und in einer gemeinsamen geistigen Sphäre das Übel bekämpft. Das Ganze gleicht einem wilden psychedelischen Trip.

Experimentierfeld Moon Knight

Später sprengt der Held einen geheimen Sadisten-Club, dem besagter Ernst vorsteht (der angeblich gar kein richtiger Antisemit sei, wie er sagt). Dann wird er zur Teilnahme an einem Aufnahmetest gezwungen – wie schon in Band 1 wird Marcs Tochter bedroht, das ist etwas repetitiv. Und ganz ernst nehmen kann man es nicht, denn die Prüfungen werden eher leichtfüßig und humoristisch abgehandelt. Schließlich taucht wieder der Sun King auf, der psychopathische Schurke und Mörder aus Band 1, um gemeinsam mit Moon Knight gegen Ernst und Co. zu kämpfen. Der Sun King hat einen plötzlichen Sinneswandel durchgemacht und der Held vertraut ihm ohne große Bedenken. Das wäre normalerweise seltsam, aber auch hier wird alles so locker inszeniert, dass man es nicht ernst nehmen kann. Und genau das ist das Problem. Autor Max Bemis schafft es nicht, ein Gleichgewicht zwischen Ernsthaftigkeit und Komik herzustellen. In der (konstruierten) „Jubiläumsausgabe“ 200 soll ein großes Finale stattfinden, aber ohne dass man emotional involviert wäre. Große Kämpfe werden in belanglosen Wimmelbildern abgehandelt und der Endkampf endet (wie so oft) etwas zu einfach. Außerdem redet der Sun King zu viel, sodass die Hauptfigur aus dem Fokus gerät.

So bleibt die Frage zurück: Wer ist eigentlich dieser Moon Knight? Was macht ihn aus? Irgendwie zwar vieles auf einmal, aber nichts richtig. Nach diesem Band verstärkt sich der Eindruck, dass Moon Knight mehr ein Experimentierfeld als ein Superheld ist. Mit ihm wurde in den letzten Jahren so ziemlich alles getrieben, was den Autoren einfiel – und das war zunächst erfrischend, aber im Vergleich auch so inkonsistent, dass man diesen Titelhelden kaum noch festlegen kann. Zuerst war Marc Spector nur ein Söldner mit mehreren Tarnidentitäten. Dann wurde aus ihm ein Held, der von einem ägyptischen Gott von den Toten auferweckt wurde, dann wurde alles für eine Einbildung und Geisteskrankheit wegerklärt. Nun kommt auch noch eine Hintergrundgeschichte hinzu, die zwar die Persönlichkeitsstörung erklären soll, aber wenig zum Charakter beiträgt.

Einerseits ist es interessant, mit Superheldencomics Neues zu versuchen, und wie hier auch psychische Probleme zu behandeln, doch dabei sollte man seinen Hauptcharakter nicht vergessen und das, was ihn ausmacht. Moon Knight sollte mehr sein als nur eine „gespaltene Persönlichkeit“. Und auch vier Persönlichkeiten machen aus ihm noch längst keinen Charakter. Es wäre Zeit, wieder einer zu werden.

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Moon Knight: Legacy Vol. 1: Crazy Runs in the Family

Marvel

Im Ravencroft Asylum behandelt Dr. Emmett einen unbekannten Patienten („86“), der Feuerkräfte hat und damit Menschen verbrannt hat. Die Psychiaterin überlegt sich eine ungewöhnliche Therapie für ihn: Analog zu Marc Spector, dem der Glaube an den ägyptischen Mondgott Khonshu Halt gibt, trägt sie dem Namenlosen den Glauben an den ägyptischen Sonnengott Ra zu. Keine gute Idee, denn wie sie selbst zugibt, steht der Gott für die Souveränität des Maskulinen, Logik und roher Kraft. Bald schon dreht er völlig durch, setzt das Krankenhaus in Flammen, verbrennt Dr. Emmett und haut ab.

Dann verbündet er sich mit dem Bushman, um Moon Knight zu besiegen, entführt Marc Spectors alte Liebe Marlene und ihre Tochter, die – wie Marc erfährt – auch seine ist. Schließlich kommt es zum Endkampf auf einer Insel, die der selbsternannte Sonnengott zu seinem Paradies auf Erden machen will.

Nach Jeff Lemires und Greg Smallwoods grandiosem Moon-Knight-Run wirkt der von Max Bemis nicht ganz so spannend. Er lässt sich viel Zeit, um die Story in Gang zu setzen, ein ganzes Kapitel ist dem Schurken gewidmet, ein weiteres lässt den Helden gegen einen Schurken namens Truth kämpfen, der Menschen zwingt, die Wahrheit zu sagen. Dann erst setzt die eigentliche Handlung ein. Dieser „Sun King“ bleibt jedoch ein oberflächlicher und damit uninteressanter Schurke.

Marc Spector muss weiterhin mit seiner Persönlichkeitsstörung zurecht kommen und seine Identitäten als Khonshu, Steve Grant und Jack Lockley akzeptieren, als Lockley hat er sogar ein Kind gezeugt, am Ende kann er mit den vereinten Kräften seiner „Verrücktheit“ den Superschurken auch ohne Superkräfte besiegen – denn Wahnsinn ist eben seine Superkraft. Man kann auch sagen: Der Glaube an sich selbst kann Berge versetzen. Das ist etwas naiv, aber immerhin sendet die Story eine Botschaft.

Das wahre Problem sind jedoch die allzu glatten Zeichnungen von Jacen Burrows. Seine Ligne claire kennt kaum Schatten, seine Figuren wirken alle brav und sauber, fast schon steril. Die flächigen Farben tragen das Ihre dazu bei. Einige beeindruckende Splash Pages oder Cover können diesen Eindruck auch nicht retten.

>> Bemis/Burrows: Moon Knight: Legacy Vol. 1: Crazy Runs in the Family, Marvel 2018.

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Moon Knight by Lemire & Smallwood

Marvel

Marc Spector ist in einer psychiatrischen Anstalt gefangen. Diagnose: Dissoziative Persönlichkeitsstörung. Doch der ägyptische Mondgott Khonshu sieht es anders. Er erscheint Marc und sagt ihm, es sei alles eine Verschwörung gegen ihn. Tatsächlich scheint mit der Anstalt etwas nicht zu stimmen: Marc wird von zwei sadistischen Pflegern misshandelt und mit Elektroschocks traktiert. In Wahrheit soll hier ein Kampf der ägyptischen Götter ausgefochten werden. Marc beschließt, auszubrechen und findet dabei alte Bekannte, wie etwa Frenchie, Crawley, Gena und Marlene. Doch damit geht der Wahnsinn erst richtig los.

Autor Jeff Lemire (Gideon Falls, Black Hammer, Joker: Killer Smile, Sweet Tooth) versetzt Moon Knight auf einen Horrortrip in einem surrealen Szenario in einem retrofuturistischen „Neo-Egypt“ und lässt ihn unter anderem gegen Mumien-Zombies kämpfen. Im Mittelteil wird es dann besonders bizarr: Dann erleben wir rasante Wechsel zwischen dem Taxifahrer Jake Lockley, dem Millionär und Filmproduzenten Steven Grant und einer neuen Persönlichkeit, die in einem Science-Fiction-Szenario eine Mondbasis gegen einfallende Wolfsmenschenaliens verteidigt. Die Erzählebenen greifen ineinander und je mehr der Wahnsinn zunimmt, desto mehr stellt sich die Frage: Was passiert „wirklich“ und was ist nur Einbildung?

Jüdischer Superheld

In einer Rückblende erfahren wir nicht nur, dass Marc Spector aus einer jüdischen Familie stammt, sondern schon als Kind einen imaginären Freund namens Steven hatte und von Khonshu halluzinierte. Am Ende akzeptiert Marc seine Krankheit als ein Teil von ihm und er beschließt, Khonshu zu töten.

Hauptzeichner Greg Smallwood zeigt sich auf der Höhe seiner Kunst: Er inszeniert die Story in einem schmutzig-organisch wirkenden Strich, er experimentiert mit Panelformen, die mal Blasen und mal Ausrufezeichen bilden, in anderen Sequenzen verneigt er sich vor dem Vorbild Bill Sienkiewicz, dem Zeichner der ersten Moon-Knight-Serie. Gastzeichner wie Francesco Francavilla, Wilfredo Torres und James Stokoe sorgen für stilistische Abwechslung, um die Sprünge zwischen den Persönlichkeiten zu unterstreichen.

Damit sind diese 14 Ausgaben Moon Knight wohl das Aufrgendste, was diesem Charakter in den letzten Jahren passiert ist. Neueinsteiger bekommen eine gute Einführung und eine abgeschlossene Story, die Lust macht auf mehr.

>> Moon Knight By Lemire & Smallwood: The Complete Collection, Marvel 2022.

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Moon Knight: From the Dead/Dead Will Rise/In the Night (2014-2015)

Marvel

Moon Knight trägt einen Dreiteiler, nennt sich „Mr. Knight“ und berät die Polizei bei kniffligen Mordfällen. In seinem ersten Fall jagt er einen Slasher, der Menschen tötet und ihnen Organe entnimmt. Mr. Knight steigt dafür tief in den Untergrund ab. „Mr. Knight“ ist eine von vier Persönlichkeiten, die Marc Spector in sich vereint, analog zu den vier Aspekten des altägyptischen Mondgottes Khonshu: Embracer, Defender, Watcher of overnight travellers, The One Who Lives On Hearts. Khonshu, eigentlich ein Außerirdischer, soll Marc einst von den Toten auferweckt haben. Seine Psychiaterin erklärt ihm, dass er nicht krank ist, sondern sein Gehirn von Khonshu besiedelt wurde.

Im Weiteren erzählen Warren Ellis und Declan Shalvey in From the Dead kurze abgeschlossene Geschichten. Einmal jagt Moon Knight einen Sniper, der Menschen auf offener Straße erschießt. Eindrücklich wird das visualisiert: Mit jedem Toten verschwindet auch ein Panel und es entsteht ein Weißraum auf der Seite. Dann prügelt sich der Held in einer Khonshu-Rüstung mit Geisterpunks, macht einen psychdelischen Trip in eine Welt der Pilze und befreit ein entführtes Mädchen aus einem verfallenen Haus, indem er nach The-Raid-Manier einen Schläger nach dem anderen vermöbelt. Es klingt banal, aber die Storys bestechen durch die Schönheit des Schlichten, was vor allem an Shalveys dynamischen Zeichnungen liegt.

Experimentierfreudige Comics

Im zweiten Band (Dead Will Rise) von Brian Wood und Greg Smallwood geht es ähnlich experimentierfreudig weiter: Da wird zum Beispiel eine Geiselnahme im One World Trade Center nur aus der Perspektive von Fernseh-, Handy-, Drohnen- und Überwachungskameras geschildert. Smallwood benutzt auch oft ein Raster mit 15 fast quadratischen Panels, in denen er komplex verschiedene Zeitebenen miteinander verschränkt.

Erzählt wird eine zusammenhängende Handlung: Es geht um einen afrikanischen Kriegsverbrecher, der vor den Vereinten Nationen spricht. Khonshu will ihn ermorden lassen, sucht sich einen neuen Handlanger, eine Wachfrau des UN-Gebäudes, Marc verhindert den Mord, schließlich gerät Spectors Psychiaterin in Versuchung. Es stellt sich wieder die Frage, ob das System funktioniert und ob Selbstjustiz legitim sein kann.

Auch wenn der dritte Band, In the Night, von Cullen Bunn und Ron Ackins und German Peralta auf dem Niveau weder narrativ noch graphisch mithalten kann, ist die Reihe als Trilogie eine interessante Lektüre, wenn man niedrigschwellig Moon Knight entdecken will und sich für neue Formen von Comics begeistert.

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