Greg Smallwood

Moon Knight by Lemire & Smallwood

Marvel

Marc Spector ist in einer psychiatrischen Anstalt gefangen. Diagnose: Dissoziative Persönlichkeitsstörung. Doch der ägyptische Mondgott Khonshu sieht es anders. Er erscheint Marc und sagt ihm, es sei alles eine Verschwörung gegen ihn. Tatsächlich scheint mit der Anstalt etwas nicht zu stimmen: Marc wird von zwei sadistischen Pflegern misshandelt und mit Elektroschocks traktiert. In Wahrheit soll hier ein Kampf der ägyptischen Götter ausgefochten werden. Marc beschließt, auszubrechen und findet dabei alte Bekannte, wie etwa Frenchie, Crawley, Gena und Marlene. Doch damit geht der Wahnsinn erst richtig los.

Autor Jeff Lemire (Gideon Falls, Black Hammer, Joker: Killer Smile, Sweet Tooth) versetzt Moon Knight auf einen Horrortrip in einem surrealen Szenario in einem retrofuturistischen „Neo-Egypt“ und lässt ihn unter anderem gegen Mumien-Zombies kämpfen. Im Mittelteil wird es dann besonders bizarr: Dann erleben wir rasante Wechsel zwischen dem Taxifahrer Jake Lockley, dem Millionär und Filmproduzenten Steven Grant und einer neuen Persönlichkeit, die in einem Science-Fiction-Szenario eine Mondbasis gegen einfallende Wolfsmenschenaliens verteidigt. Die Erzählebenen greifen ineinander und je mehr der Wahnsinn zunimmt, desto mehr stellt sich die Frage: Was passiert „wirklich“ und was ist nur Einbildung?

Jüdischer Superheld

In einer Rückblende erfahren wir nicht nur, dass Marc Spector aus einer jüdischen Familie stammt, sondern schon als Kind einen imaginären Freund namens Steven hatte und von Khonshu halluzinierte. Am Ende akzeptiert Marc seine Krankheit als ein Teil von ihm und er beschließt, Khonshu zu töten.

Hauptzeichner Greg Smallwood zeigt sich auf der Höhe seiner Kunst: Er inszeniert die Story in einem schmutzig-organisch wirkenden Strich, er experimentiert mit Panelformen, die mal Blasen und mal Ausrufezeichen bilden, in anderen Sequenzen verneigt er sich vor dem Vorbild Bill Sienkiewicz, dem Zeichner der ersten Moon-Knight-Serie. Gastzeichner wie Francesco Francavilla, Wilfredo Torres und James Stokoe sorgen für stilistische Abwechslung, um die Sprünge zwischen den Persönlichkeiten zu unterstreichen.

Damit sind diese 14 Ausgaben Moon Knight wohl das Aufrgendste, was diesem Charakter in den letzten Jahren passiert ist. Neueinsteiger bekommen eine gute Einführung und eine abgeschlossene Story, die Lust macht auf mehr.

>> Moon Knight By Lemire & Smallwood: The Complete Collection, Marvel 2022.

>> Moon Knight Comics

Moon Knight: From the Dead/Dead Will Rise/In the Night (2014-2015)

Marvel

Moon Knight trägt einen Dreiteiler, nennt sich „Mr. Knight“ und berät die Polizei bei kniffligen Mordfällen. In seinem ersten Fall jagt er einen Slasher, der Menschen tötet und ihnen Organe entnimmt. Mr. Knight steigt dafür tief in den Untergrund ab. „Mr. Knight“ ist eine von vier Persönlichkeiten, die Marc Spector in sich vereint, analog zu den vier Aspekten des altägyptischen Mondgottes Khonshu: Embracer, Defender, Watcher of overnight travellers, The One Who Lives On Hearts. Khonshu, eigentlich ein Außerirdischer, soll Marc einst von den Toten auferweckt haben. Seine Psychiaterin erklärt ihm, dass er nicht krank ist, sondern sein Gehirn von Khonshu besiedelt wurde.

Im Weiteren erzählen Warren Ellis und Declan Shalvey in From the Dead kurze abgeschlossene Geschichten. Einmal jagt Moon Knight einen Sniper, der Menschen auf offener Straße erschießt. Eindrücklich wird das visualisiert: Mit jedem Toten verschwindet auch ein Panel und es entsteht ein Weißraum auf der Seite. Dann prügelt sich der Held in einer Khonshu-Rüstung mit Geisterpunks, macht einen psychdelischen Trip in eine Welt der Pilze und befreit ein entführtes Mädchen aus einem verfallenen Haus, indem er nach The-Raid-Manier einen Schläger nach dem anderen vermöbelt. Es klingt banal, aber die Storys bestechen durch die Schönheit des Schlichten, was vor allem an Shalveys dynamischen Zeichnungen liegt.

Experimentierfreudige Comics

Im zweiten Band (Dead Will Rise) von Brian Wood und Greg Smallwood geht es ähnlich experimentierfreudig weiter: Da wird zum Beispiel eine Geiselnahme im One World Trade Center nur aus der Perspektive von Fernseh-, Handy-, Drohnen- und Überwachungskameras geschildert. Smallwood benutzt auch oft ein Raster mit 15 fast quadratischen Panels, in denen er komplex verschiedene Zeitebenen miteinander verschränkt.

Erzählt wird eine zusammenhängende Handlung: Es geht um einen afrikanischen Kriegsverbrecher, der vor den Vereinten Nationen spricht. Khonshu will ihn ermorden lassen, sucht sich einen neuen Handlanger, eine Wachfrau des UN-Gebäudes, Marc verhindert den Mord, schließlich gerät Spectors Psychiaterin in Versuchung. Es stellt sich wieder die Frage, ob das System funktioniert und ob Selbstjustiz legitim sein kann.

Auch wenn der dritte Band, In the Night, von Cullen Bunn und Ron Ackins und German Peralta auf dem Niveau weder narrativ noch graphisch mithalten kann, ist die Reihe als Trilogie eine interessante Lektüre, wenn man niedrigschwellig Moon Knight entdecken will und sich für neue Formen von Comics begeistert.

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