Fantastic Four No. 1: Panel by Panel

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Abrams & Chronicle Books

Vielleicht beschreibt die Aussage von Ben Grimm die Situation am besten: „I live in a world too small for me!“, sagt der unfömige Mann in Steingestalt, als er im Bekleidungsgeschäft steht. Er habe nichts in seiner Größe, beteuert der Verkäufer. Und so zieht sich Ben den Mantel aus, befreit sich von der engen Kleidung, scheitert dann aber am Türrahmen: „Why must they build doorways so narrow?“ In gewisser Weise ist die erste Ausgabe von Fantastic Four von 1961 ebenfalls größer als das Heft, in dem es erschien. Denn vor 60 Jahren brach mit Konventionen und löste eine Revolution aus. Superhelden wurden ganz neu gedacht: nämlich zuerst als Menschen, mit Schwächen und Problemen, ja sogar als Monster. Anders als die Justice League von Konkurrent DC, in der auch immer unter den Mitgliedern alles super war, sind die Fantastic Four eine dysfunktionale Familie – und funktionieren daher bei den Lesern umso besser. Die Geschichte ist bekannt: Stan Lee und Jack Kirby schufen damit einen neuen Comic-Prototypen und das „Marvel Age of Comic“ begann – gefolgt von Spider-Man, Hulk, Thor, Daredevil und Co. Weniger bekannt ist die Geschichte dahinter. Wie jeder Anfang ist auch dieser mythenumrankt und voller Widersprüche in den Äußerungen der Zeitzeugen. Auch wenn die Originale verschollen sind, muss vieles rätselhaft bleiben. Nun aber können Liebhaber dem Meilenstein selbst nachspüren – in einem prächtigen Bildband.

Originalseiten in extremen Nahaufnahmen

Fantastic Four No. 1: Panel by Panel präsentiert das, was der Titel verspricht: Ein Panel pro Seite oder Doppelseite – und zwar jeweils in voller Seitenbreite. Es scheint, als würde sich dieses Heft von einst damit ebenfalls von seiner ursprünglichen Enge befreien und sich endlich in wahrer Größe präsentieren, wie es sich für einen Klassiker dieses Ausmaßes gehört. Wir sehen den Comic hier nicht etwa digital restauriert und nachkoloriert, wie bei Reprints üblich, sondern als hochauflösende Fotografie einer FF#1-Originalausgabe. Man sieht jeden Farbpunkt des Rasterdrucks, jede Faser des billigen Originalmaterials, kann das Papier fast schon riechen, wäre da nicht der Hochglanzdruck. Näher kommt man als Laie diesem Comic nicht. Ausführliche Texte erzählen die Entstehungsgeschichte nach, analysieren die Seiten und das Cover und versuchen den Arbeitsprozess zu rekonstruieren. Damals entstand nämlich die Marvel-Methode: In der Regel haben Stan Lee und der Zeichner (in dem Fall Kirby) sich zusammen den Plot überlegt, dann hatte der Zeichner weitgehend freie Hand, Layout und Panels selbst zu gestalten. Bei FF #1 aber gab es noch eine Zwischenstufe in Form eines groben Treatments und im Laufe der Entstehung hat man offenbar noch Änderungen vorgenommen. Es wirkt so, als wäre der Origin des Teams erst nachträglich eingeschoben worden. Außerdem wurden manche Panels verkleinert, um neue hinzuzufügen. Allerdings muss vieles Spekulation bleiben, wie Kommentator und Marvel-Veteran Tom Brevoort zugibt. Klar ist nur: Auch am Cover wurde bis zuletzt noch gearbeitet, etwa um Passanten im Hintergrund einzufügen. Eine Marginalie – aber was das anging, war Stan Lee Perfektionist, um den maximalen Effekt aus den Comics hervorzubringen. Das Cover selbst erstreckt sich in dieser Ausgabe über den gesamten Schutzumschlag – aufgeteilt auf die vier Helden. Einen frühen Entwurf sieht man im Inneren. Es ist die einzige noch erhaltene Originalseite des Heftes.

Beschnittene und fehlende Panels

All das zeigt, wie viel Arbeit in dieses Heft gesteckt wurde und wie sehr es auf die Details ankommt, auch bei etwas so vermeintlich Trivialem wie einem Superheldencomic. In Panel by Panel kann man nachvollziehen, dass auch ein Meilenstein nicht perfekt sein muss, vielleicht sogar seinen Reiz aus seinen kleinen Makeln bezieht. Größer sind leider die Schwächen des Bildbandes. Weil die Panels meist die gesamte Seiten ausfüllen sollen, wurden viele beschnitten. Manche werden auf der nächsten Seite fortgesetzt, andere aber nicht. Und in der oben beschriebenen Thing-Sequenz fehlen zwei ganze Panels. Das ist unverständlich, weil der ja Platz da war – aber da hat es Designer Chip Kidd mit der Nähe etwas übertrieben. Was bringt die extreme Nähe, wenn man die ganzen Panels nicht mehr sehen kann? (Stattdessen wurden sogar die Anzeigen nachgedruckt.) Zum Glück ist das ganze Heft in dem Band noch einmal seitenweise auf mattem Papier nachgedruckt, sodass man es auch im ursprünglichen Layout nachlesen kann. Aber dafür, dass so viel Aufwand betrieben wurde und so viel Geld verlangt wird (40 US-Dollar), sind diese Mängel ärgerlich und trüben den Lesegenuss sehr.

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