Vor 60 Jahren: Fantastic Four #1 (1961)

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Marvel

Es ist ein Durchbruch, im wahrsten Sinne des Wortes. Genauso wie das grüne Monster, das auf dem Cover aus der Straße herausbricht, wird am 8. August 1961 mit den Fantastic Four nicht nur ein neues Superheldenteam  eingeführt, sondern es bricht auch ein neues Zeitalter an: das „Marvel Age of Comics“. Es steht für eine neue Qualität des Genres, das viele weitere Superhelden hervorbrachte wie Spider-Man, Thor, Iron Man, Hulk und Daredevil.

Die Fantastic Four wurden schon mit der zweiten Ausgabe eine Millionenseller. Der Erfolg ist keineswegs selbstverständlich. Es waren vier Unbekannte ohne besondere Erkennungszeichen, sie trugen zunächst nicht einmal Masken, Kostüme oder Uniformen, sie hatten zwar Decknamen wie Invisible Girl, Human Torch, Mr. Fantastic und The Thing, aber sie redeten sich mit ihren bürgerlichen Namen an. Das Cover folgt der bewährten Monster-Routine der damaligen Comics, aber es ist keine reine Monster-Story. Trotzdem ging die Formel auf. Warum?

Inspiriert von der Justice League

Die Inspiration zu den FF lieferte Konkurrent DC (damals noch National): Seit 1960 hatte man die berühmtesten Superhelden (Superman, Batman, Wonder Woman, Flash, Green Lantern, Aquaman und Martian Manhunter) zur Justice League of America vereint. Das Team wurde ein Verkaufshit, den der Verlag Marvel Comics kopieren wollte. Marvel hatte keine vergleichbaren Marken vorzuweisen. Die Zeit der Superhelden war für den Verlag, der früher Timely und Atlas hieß, vorbei. Aus dem Golden Age gab es vergessene Helden wie Human Torch, Namor the Submariner und Captain America, aber das Revival des Letzteren scheiterte in den 50ern. Man setzte auf Science Fiction mit Monstern.

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DC Comics

Verleger Martin Goodman beauftragte seinen Hausautor Stan Lee mit der Aufgabe, ein Superheldenteam zu erschaffen. Lee hatte aber nach 20 Jahren beim Verlag keine Lust mehr auf Comics für Kinder, er war kurz davor zu kündigen und sah den Auftrag als Möglichkeit, etwas Neues ohne Risiko zu versuchen. Zeichner Jack Kirby hatte Anfang der 40er Captain America miterfunden und für DC die Challengers of the Unknown geschaffen, eine Gruppe von Abenteurern in Uniformen, aber ohne Superkräfte. Das Konzept wurde mit den Fantastic Four weiterentwickelt. Und sein Cover von FF #1 erinnert stark an The Brave and the Bold #28, dem ersten Auftritt der JLA, auf dem die Helden ein Monster einkreisen.

Aller Anfang ist schwer

Die vier neuen Helden sind Wissenschaflter und Raumfahrer. Sie fliegen ohne Genehmigung ins All, weil sie – trotz der Gefahr – unbedingt vor den Sowjets („commies“) starten wollen, werden von kosmischen Strahlen getroffen und bekommen Superkräfte: Reed Richards kann die Form seines Körpers nach Belieben dehnen, Susan Storm kann sich unsichtbar machen, ihr Bruder Johnny kann wird zu einem fliegenden Flammenmann und Ben Grimm wird zum klobigen Steinmenschen. Damit symbolisiert das Team auch die vier klassischen Elemente: Wasser, Luft, Feuer und Erde.

Anders als bei den DC-Helden herrscht keine Harmonie zwischen den Mitgliedern. Ben Grimm ist für sein Leben entstellt, ein Monster, durchaus untypisch für einen Superhelden, außerdem liebt er Susan Storm, die aber mit Reed Richards verlobt ist. Der wiederum macht sich Vorwürfe für den Strahlenunfall. Mit Susans Bruder Johnny versteht sich Grimm auch nicht gut – und damit sind Konflikte an der Tagesordnung, wie in einer Familie.

Die FF sind auch in ihrer Welt zu Beginn noch Unbekannte, leben im Verborgenen, verusachen mit ihren Kräften Angst und Schäden, werden für Monster gehalten und gejagt mit Handfeuerwaffen und Raketen. Bevor sie andere retten, müssen sie sich selbst vor den Menschen retten und ihren Ruf als Helden erarbeiten.

Damit teilen sie das Schicksal des Schurken, den sie im zweiten Teil der Geschichte bekämpfen: Auch der Mole Man ist ein deformierter Außenseiter, der wegen seines Äußeren verstoßen wird und sich auf die Suche nach dem Erdinneren macht. Er hetzt die Monster der Unterwelt auf die Menschen, zerstört alle Atomkraftwerke, damit die Menschen schutzlos seinen Monstern ausgeliefert ist. So will er sich an der Welt rächen. Der Mole Man, obwohl klein und korpulent, erweist sich als fit im Nahkampf, da er auch einen Radarsinn hat (der wird später auch für Daredevil wichtig).

Die FF folgen ihm zu seinem Versteck im Erdinneren auf Monster Isle. Am Ende, als der Schurke seine Monster auf die FF hetzt, lässt Human Torch die Erde schmelzen und begräbt sie darunter. Der Mole Man zerstört die Insel mit dem Eingang und die FF düsen mit einem Jet davon.

Von Dr. Doom bis Galactus

Mit jeder weiteren Ausgabe wird die Welt der FF weiter ausgebaut: Erst in Ausgabe 3 bekommen sie ihre ihre blauen Uniformen mit der Vier auf der Brust (auch wenn The Thing seine zerreißt und nur die Hose übrigbleibt) sowie ihr fliegendes Fantasticar und ihr Hauptquartier in einem Hochhaus. Woher sie die Mittel dazu haben, bleibt offen. In Heft 4 treffen sie Namor, in Heft 5 ihren Erzrivalen Dr. Doom, der seitdem immer wieder auftaucht, in FF #39-40 hilft ihnen sogar Daredevil gegen ihn (eine Revanche gab es in Daredevil #37-38). Später erweitern Galactus und Silver Surfer den festen Figurenbestand.

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Marvel

Was die FF ausmacht, sind drei Faktoren. Zum einen ein bodenständigerer Zugang zu Superhelden, der die Helden zu Menschen mit alltäglichen Problemen und Konflikten macht. Bei DC gibt es mehr Harmonie als Psychologie. Zum zweiten die Kontinuität: Anders als bei DC bauen die Geschichten aufeinander auf. Man hat also den Eindruck, eine große fortlaufende Story zu verfolgen. Zum dritten ist es die frische Erzählweise: Stan Lee versprüht in seinen Texten nicht nur großen Enthusiasmus, der jede Geschichte zu etwas Besonderem erklärt, er spielt auch mit Selbstreferenzen und -ironie.

Das Erfolgsprinzip setzt er auch in den anderen Serien fort, die darauf folgen: Hulk, Thor, Ant-Man, Spider-Man. Immer wieder haben die Helden Gastauftritte beieinander und bilden so schnell ein Universum, das miteinander verknüpft ist. Bei DC hat es über ein Jahrzehnt gebraucht, bis Batman und Superman in einer Story aufeinandertrafen, und noch weitere Jahre, bis die Justice League gegründet wurde. Bei Marvel verliert man keine Zeit.

Stan Lee und Jack Kirby waren zehn Jahre lang für die Fantastic Four verantwortlich und machten über 100 Ausgaben zusammen. Mittlerweile sind insgesamt fast 700 Ausgaben erschienen, dazu noch etliche andere Comics mit dem Team. Das gesamte Marvel-Universum ist um sie herum entstanden. Zum 60-jährigen Jubiläum bringt der Verlag eine extradicke Nummer 35 heraus (da die Serie vor einigen Jahren neu gestartet wurde).

Glücklose Verfilmungen

Obwohl die Fantastic Four zu den Grundpfeilern von Marvels Comicuniversum gehören, war ihnen bisher kein Glück im Kino vergönnt. Dreimal wurde die Entstehungsgeschichte bisher verfilmt. Der erste Film von 1994 war eine Billigproduktion, die nur gedreht wurde, um sich die Filmrechte zu sichern; er wurde nie offiziell veröffentlicht (ist aber als Bootleg im Netz zu finden).

Die Filme von 2005 und 2007 fielen bei der Kritik durch, der zweite dann auch beim Publikum. Und 2015 wurde das Niveau noch einmal gesenkt, indem Josh Trank es schaffte, aus den FF den wohl langweiligsten und belanglosesten Marvel-Film des 20. Jahrhunderts  zu drehen.

Nachdem Disney Fox gekauft hat, gehören die Filmrechte (genauso wie an den X-Men) wieder Marvel und die FF sollen endlich im Cinematic Universe einen Neustart bekommen, der ihnen gebührt. Spider-Man-Regisseur Jon Watts soll Regie führen. Das ist schon mal eine gute Voraussetzung. Besetzung und Starttermin stehen zwar noch nicht fest, aber eins auf jeden Fall: die Hoffnung, dass es diesmal klappt.

>> Fantastic Four #1-10 (1961-1963) ist zuletzt als günstiges Paperback in der Mighty Marvel Masterworks-Reihe erschienen (15,99 US-Dollar).

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